Messan und seine Kinder

Kunstwerk in Agerto Kpalimé. Messan, der das Projekt aufrecht hält. Ein Geschenk vom Maurermeister.
Kunstwerk in Agerto Kpalimé. Messan, der das Projekt aufrecht hält. Ein Geschenk vom Maurermeister.

Eine Darstellung von Julia Schröder

 

Jeden Mittwoch Abend versammelt sich Messan mit “all seinen Kindern” (er hätte sehr, sehr viele, gibt er lachend zu). Eigentlich ist er der Präsident von AGERTO, doch für die meisten Auszubildenden im Zentrum ist dieser Mann, mit dem Schnurrbart und den Lachgrübchen, ein Vater geworden. Er war es, der sie aus dem höllenhaften Gefängnis der Hauptstadt geholt, sie von der Straße aufgesammelt oder von einem brutalen Zuhause gerettet hat. Sie treffen sich regelmäßig zum Geschichten erzählen, jeder packt aus, was ihm auf dem Herzen liegt, man erzählt sich Witze, Anekdoten und Lebensgeschichten.

Messan ist permanent da für seine Kinder, er schenkt ihnen mit seiner respektvollsten Zuneigung immer genuegend Aufmerksamkeit. Nun soll der Spieß ausnahmsweise mal umgedreht werden: Es ist an der Zeit, dass man sich einem Moment zurücklehnt und versucht, die Lebensgeschichte von diesem Mann selbst zu begreifen.

Als Kind eines Jägers in Togos ist Messan Amegniho mit 26 Geschwistern aufgewachsen - sein Vater hatte sechs Frauen.

Erst 1970, mit 10 Jahren wurde er eingeschult. Seine Schullaufbahn war sehr turbulent, seine Schuluniform aus seinem alten Bettlaken genäht. Er konnte viele Schulwechsel nicht vermeiden. Schon damals wehrte der ehrgeizige Junge  sich, nicht blutig geschlagen zu werden. Nach einigen Jahren mit sechs Kilometer langem Schulmarsch, konnte er mit den besten Noten auf die Oberschule im Küstenstädtchen Anecho, der einstigen Hauptstadt Togos, wechseln. Mit bitterer Miene erzählt er, wie er sich dort schrecklich “alleinsam” gefühlt hätte: seine Mitschüler waren sehr reich; er hingegen war das strebsame Dorfkind. Doch im Laufe der Zeit freundete er sich mit reichen Familien an und ging nach seinem Abschluss nach Nigeria. Ursprünglich war sein Ziel dort “sein Glük zu finden” , doch schon bald stellte er fest, dass dieses luxusiöse Leben nicht das wahre fuer ihn ist.

Er dachte an die Leiden seiner Eltern und wollte nicht länger seine Herkunft leugnen. Es zog ihn in den Benin, ganz alleine, als suchender Jugendlicher. Er wollte einen Beruf lernen, etwas aus seinem Leben machen.

Die Ausbildung als Schweißer war hart, er war obdachlos und schlief auf einer Holzbank in der Werkstatt - “zwischen Eisen und Splittern”. Unter der Woche war das Essen sehr knapp, andauernd plagte der Hunger. Nur Samstags ging er an den Strand um Krebse zu sammeln. Einen Teil verkaufte er, den anderen Teil konnte er sich selbst zubereiten.

In den drei Jahren, bis er endlich sein Diplom abgeschlossen hatte, entwickelte sich eine herzliche Bekanntschaft zu einem Sänger, der sein Studio neben der Stahlwerkstatt hatte. Immer wieder schaute Messan bei ihm vorbei und bewies sein Talent für Songtextideen. Sein Freund vermittelte ihn bald und Messan fing an, westafrikanische Sänger anzuwerben, um in Togo Konzerte zu geben. Ein wildes Treiben war dieser Job, ununterbrochen unterwegs mit eigentümlichen Leuten. Des Nachts und in Zeiten, wo keine Aufträge waren, schmuggelte Messan Benzin aus Nigeria nach Benin. Ein sehr gefährliches und lukratives Geschäft. Viele, die es ihm gleich tun, verlieren ihr Leben bei Raubüberfällen oder Soldatenkontrollen. Messan aber kam, sogar ohne Führerschein, lebend davon und hatte sich dazu ordentlich etwas anverdient.

 

Mit ausreichend Geld im Portmonaie wagte er, sachte größere Ziele zu fixieren. Immer schon hatte er daran gedacht, mit Europa in Verbindung und Zusammenarbeit zu kommen. Es war an der Zeit, einen Autohandel zwischen Togo und Deutschland zu organisieren. Ganz pragmatisch sah er es nicht ein, dass dort etwas verschrottet wird, was hier gebraucht wird. Seine fixe Idee entwickelte sich schnell zu einer erfolgreichen Ex- und Importfirma.

Sein erster Deutschlandbesuch 1995 nach Halle an der Saale hatte geschäftiliche Gründe. "Irgendwann wollteich ja meine Arbeitsparter kennenlernen", sagt Messan. Im kalten Deutschland fand er sich schnell zurecht. Im Handumdrehen fand er Anschluss und vermittelte sogar zeitweise bei Verhandlungen zwischen der Polizei und Afrikanern in Asylhheimen. Sein erster großer Erfolg war der Umzug einiger Asylbewerber in eigene Wohnungen.

Messan entschied sich in Deutschland zu bleiben; in gewisser Weise erkannte er eine Mission.

Es ging nach Köln , wo er dem Kardinal des Kölner Doms in Zusammenarbeit mit der Caritas bei effektiver Hilfe gegenüber akrikanischen Einwanderern beriet. All die Jahre hat er niemals den Gedanken verloren, dass dort unten noch sein Heimatsland ist, das dringend Unterstützung braucht. 1999 ging Messan zurück nach Togo um Agerto zu gründen.Der mutige Togolese mit der deutschen Staatsbürgerschaft trommelte zwei dutzend verzweifelte Jugendliche zusammen und schmiedete gemeinsam mit ihnen einen fast irrwitzigen Plan.

Letztendlich muss der frische Gründer AGERTOs wieder in die Ferne ziehen, um Geld für seine optimistischen Pläne zu verdienen. Als Chef der Verpackungsabteilung einer Müslifabrik in der Bretagne und als Dolmetscher im Würzburger Amstgericht machte er sich verdient. Sogar eine einmonatige Karriere als Sicherheitsmann in New York hat er hinter sich gebracht (sie endete schnell, weil der kleine Sicherheitsmann mit der noch kleineren Pistole bei einem Raubüberfall vor Angst geflüchtet ist).

Bereits 2006 kehrte Messan wieder in seine Heimat zurück, um seine fantastische Idee zur Wirklichkeit zu machen: Er gründete Ausbildungszentren für seine Jugendlichen, die hoffnungslosen Hoffnungsträger.

Heute hängt in seinem Büro hübsch eingerahmt sein deutscher Pass, denn es war vorallem seine deutsche Frührente, die den Aufbau und die Führung AGERTOs ermöglicht hat. Messan arbeitet ohne Unterlass, ehrenamtlich obendrein und kann es bei Geldknappheit nicht unterlassen, den Kindern aus eigener Tasche Essen, Kleidung oder Medizin zu bezahlen.

 

Das ist er also, Messan Amegniho, dieser Mann, der aus dem Nichts etwas so Wertvolles zaubern konnte, der mit Überzeugung und Willenskraft das Leben hunderter Jugendlichen rettet und somit das Togo ein Stueck verbesserte.

“Für meine vielen, vielen Kinder musste ich Bettler werden”, pflegt er zu sagen und runzelt dazu oft die Stirn, denn trotz allem ist jeder Projekttag ein Überlebenskampf geblieben.

Jeden Tag isst er eine Schüssel Kohlsalat und viel anderes Gemuese aus eigenem Anbau. Er hätte ja die Verantwortung gegenüber seinen Kindern und seinem Land auch, er müsse einfach gesund bleiben so Messan. Eigentlich, fügt er hinzu, dürfte er auch nie sterben - zu viel gibt es noch zu tun!

 

Togo, Afrika -ja- die ganze Welt braucht mehr Menschen dieser Art.